Thursday 19th October 2017,
Auszeit mit Kindern

Fijian Style, die Laus, die entwickelte Welt

Bei unserem Nachttauchgang in Savusavu sagte Grace: „Wir tauchen Fijian Style“, ein relaxter Tauchgang war angesagt.

Suva die Hauptstadt von Fidschi

Ist man in Suva unterwegs, der Hauptstadt von Fidschi, einer vergleichsweise kleinen Stadt mit 100.000 Einwohnern, fallen einem die freundlichen, relaxten Leute auf, Fijian Style.
Ganz nebenbei, an der Straße sitzen überall Schuster und das Zentrum wird von einem großen Obst und Gemüsemarkt dominiert. Nach 4 Wochen ohne frischem Obst und Gemüse in den Laus, fielen uns fast die Augen aus dem Kopf, wow, intensiv, hellgrüner Salat, Unmengen von Ananas, Papaya und was man sich sonst noch an Obst und Gemüse vorstellen kann.
Suva ist ganz anders als Stuttgart, klar, offensichtlich, kein Mediamarkt, kein H&M, kein Starbucks, kein Mc Donalds. Diese Aufzählung ließe sich unendlich fortsetzen. In Suva gibt es aber diesen großen Obst und Gemüsemarkt und damit ist Suva eben doch auch ganz anders als die Lau Gruppe, der östliche, nicht bereiste Teil Fidschis und Orte wie Komo. Ist der große Markt das Symptom einer anderen Welt, das Symptom, dass es hier doch nicht Fijian Style zu geht?

Ein Dach über dem Kopf, Fisch, Obst und Gemüse aus dem Garten

In den Laus, die Leute leben in Häusern, auf Grundstücken, die der Familie seit Generationen gehören. Heiraten die Kinder, so ziehen die Männer zu der Familie der Frau, mal ins gleiche Haus, mal wird das Haus erweitert oder ein neues Haus gebaut. Für ein Dach über dem Kopf zu bezahlen, kennt man hier nicht. Wir ernten ungläubige, verwunderte Blicke, als wir erzählen, dass man in Deutschland, Teil der sogenannten entwickelten Welt, nicht auf seinem Grund wohnt, dafür sogar bezahlen muss und wenn es nur Steuern und Abgaben für die Entwässerung sind.
Für Essen bezahlt man in den Laus äußerst selten. Ist kein Essen mehr da, so geht man mit der Harpune oder der Handleine fischen. Fehlt es an Gemüse, so geht man in den Garten, holt eine Yam oder Süßkartoffeln. Sind Mangos reif, so haben sie auf einmal so viele, dass sie sie gar nicht verwerten können, die Unmengen an Mangos werden vergraben, in einem großen Loch. Wozu bräuchte man hier also einen Markt mit Obst und Gemüse, oder gar einen Super- oder Hypermarkt oder Hypermarché?

Flip Flops, Shorts, ein langer Rock und ein T-Shirt

Aber Kleidung braucht man und die wächst nicht auf Bäumen. Das ist wohl richtig, im Dorfladen haben wir aber keine Kleidung entdeckt. Woher kommt also die Kleidung? Sicherlich kommt ein Teil der Kleidung auch von uns, von anderen Cruisern oder aus einer Neuseelandhilfe. Bei der geringen Anzahl der Cruiser, die hier vorbei kommen, kann dies aber nicht die einzige Quelle sein.
Die Jungen Leute verlassen die Laus, ziehen auf die Hauptinsel, jeder hat also Familie auf einer der Hauptinseln. Wahrscheinich ist dies die Hauptquelle für T-Shirts, Röcke, Flip Flops aber auch Sonntagsanzüge, denn schlecht gekleidet ist man auf Komo nicht.

Ein Hammer, Schraubenzieher, die Axt, die Harpune oder die wasserdichte Taschenlampe, um nachts Fische zu jagen

Als wir in Komo beim Bau des Hauses für die Lehrerin geholfen haben, haben wir mit Handsäge, Maßband, Hammer und Stemmeisen gearbeitete. Ein Teil des Werkzeuges war neu, stammte also aus dem Bausatz der Regierung für das neue Haus. Ein Teil des Werkzeuges war aber alt, teilweise so alt, dass es sicherlich von einem Cruiser stammt, der hier vor 30 Jahren einen alten Hammer oder ein altes Stemmeisen hinterlassen hat. Erstaunlich wie nützlich etwas sein kann, was vor 30 Jahren jemand anderes aus seinem Besitz bereits aussortiert hatte.

Wofür arbeiten die Bewohner der Laus dann eigentlich

Wofür sollte man also Arbeiten, Geld verdienen, man wohnt umsonst, das Essen kommt aus dem Meer oder dem Garten und das ein oder andere bekommt man geschenkt oder gespendet.
Bleiben Batterien für die wasserdichte Lampe zum Fische jagen, eine Flasche voll Diesel, um einen Film auf DVD zu schauen (Strom liefert nur der Generator), etwas Reis oder Mehl, für etwas Abwechslung beim Essen, ein erste Welt Statussymbol wie ein Schokoriegel oder ein Softdrink für die Kinder, all dies kann man im kleinen Dorfladen der knapp 200 Einwohner von Komo für erstaunlich kleines Geld kaufen. Warum sollte man auf den Laus also den ganzen Tag arbeiten, wo man fast alles hat, ohne einen Finger krumm zu machen oder vielleicht mit einem kleinen krummen Finger, Fijian Style.

Die entwickelte Welt, unsere Welt, das was wir als Normalität erachten.

Bis Mai arbeiten wir für die Steuer, den Rest der Zeit für die Miete, das Auto, die Rente, das Essen, das allerneuste Handy … die Liste lässt sich sicherlich fortsetzten mit Dingen, die wir als unbedingt notwendige Lebensgrundlage in der entwickelten Welt erachten.
Der eine wendet 90% seiner Zeit für diese Lebensgrundlage auf, der andere vielleicht nur 80%.
In Komo hingegen gibt es einige dieser aus unserer Sicht lebenswichtigen Dinge gar nicht, andere Dinge gibt es umsonst. Ist das die Erklärung des Fijian Styles?

Vielleicht ist es sogar noch krasser, vielleicht werden die meisten in der entwickelten Welt sogar sagen, dass sie gar keine andere Wahl haben, als so viel ihrer Zeit für diese Lebensgrundlagen aufzuwenden. Gibt es eine Alternative zur Zahlung von Steuern? Die wenigsten werden bereit sein auf der Straße oder in der freien Natur zu wohnen. Nur wenige haben für Lebensmittel Alternativen zu Aldi, Lidl, Edeka oder wie sie alle heißen.

Da stellt sich doch die Frage: „Wer lebt eigentlich in der entwickelten Welt, der, der 90% seiner Zeit für die unumgängliche Lebensgrundlage aufwendet oder der, der gar nur 10% seiner Zeit dafür aufwendet und den Rest der Zeit sein Leben genießt, Fijian Style.“

Fijian Style, wer lebt hier eingentlich in der entwickelten Welt.
Mr. Tui seine Frau und Constantin

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2 Comments

  1. Renate von der Burg 26. Dezember 2016 at 16:07

    Hallo!!!! Ich war erstaunt, von Euch einen Blog von „immernochunterwegs“ zu lesen, denn ich hatte Euch Weihnachten in Kapstadt oder Sedgefield vermutet … Aber nachdem ich gelesen hatte, war mir klar, solche – gottseidank immer noch existierenden Paradise – will man nichjt so schnell verlassen … wie gut, dass es noch so etwas wie diese vom grossen Konsum unberuehrte Welt zu geben scheint!! … Wie immer, sehr interessant zu lesen!
    Alles Gute fuers Neue Jahr, was immer es bringen wird … Gruesse von Renate

    • Constantin 9. Februar 2017 at 17:36

      Ja, wir sind jetzt tatsächlich schon eine ganze Weile in Kapstadt, aber eben sehr busy mit der Familie und der Vorbereitung des Schiffes für die weitere Reise. Beste Grüsse aus CT Constantin

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