Wednesday 13th December 2017,
Auszeit mit Kindern

Bali nach Cocos Keeling auf der hapa na sasa

Im Indischen Ozean ist alles etwas grösser und kräftiger, nicht so wie im Pazifik, dem Friedlichen.
Jimmy Cornell schreibt in seinem Buch Segelrouten der Welt „Der Wind weht oft tagelang mit 20-25kn und erreicht gelegentlich Sturmstärke. Das Vergnügen an der schnellen Passage wird oft von einer unangenehmen Kreuzdünung getrübt, die unaufhörlich aus dem Südpolarmeer heranrollt.“ In den Randmonate der Saison, also Juni und Oktober soll dass Wetter gemäßigter sein, also weniger Starkwindphasen als in der Mitte der Saison. Im November fängt die Zyklonsaison an.
Unsere Wettervorhersage in Bali spricht von 4m Wellen, die aus Süden anrollen, manchmal unterschätzt die Vorhersage auch die Wirklichkeit draußen auf dem Meer. Die Vorhersage für den Wind zeigt nichts besorgniserregendes.

Wir starten gemeinsam mit den Franzosen der Geronimo von Serangan Bali

Bevor wir pünktlich um sechs Uhr morgens unseren Ankerplatz verlassen, laden wir noch einmal das Wetter, noch einmal über Handy mit der hohen Auflösung. Als wenn wir zum gleichen Zeitpunkt den Motor gestartet hätten, sehen wir keine 100m hinter uns die Geronimo. Die ersten Stunden ist Motoren angesagt. Wir setzen unseren Kurs bewusst etwas südlicher, damit wir später, wenn die großen Wellen auf uns treffen, möglichst West laufen können, damit uns diese Monster von hinten und nicht von der Seite treffen werden.

Nachdem das Schiff soweit aufgeklart ist, schaue ich mir noch einmal das Wetter an und sehe erste Anzeichen eines tropischen Sturmes südlich von Java. Die durchschnittliche Anzahl tropischer Stürme im Oktober auf dieser Route ist gerade einmal 0,33. Sollten gerade wir hier und jetzt einen abbekommen?
Schön ist diese Aussicht nicht, aber umdrehen und eine weiter Wochen auf Bali verbringen würde bedeuten, dass das Zyklonrisiko besonders auf der zweiten Hälfte der Passage von Cocos Keeling nach Mauritius steigt. Was sollen wir also tun?
Die Situation erinnert mich an einen Workshop, bei dem es darum ging einen Holzpfeil zu zerbrechen. Nein, natürlich nicht mit der Hand. Der Pfeil wurde mit seiner runden Metallspitze in der weichen Vertiefung direkt unter dem Kehlkopf angesetzt und auf der anderen Seite von einem Partner mit einem festen Arbeitshandschuh gegengehalten. Alle mussten Schutzbrillen tragen, denn es war nicht irgendein Weichholz, sondern richtiges hartes Holz mit einem Durchmesser von einem halben Zentimeter. Allein der Gedanke daran brachte meinen Kopf damals in den Ausnahmezustand, so dass ich mich auf das Zuschauen beschränkte, sehr zu meinem späteren Ärger, nachdem sich herausstellte, dass die Übung durchaus machbar war. In einem zweiten Event habe ich die Übung dann ohne einen Moment zu zögern gemacht und natürlich auch den Pfeil zerbrochen.
Jetzt ist die Situation ähnlich, die Wettervorhersage zeigt uns einen entstehenden tropischen Sturm, der in ca. 4-5 Tagen unsere Kurslinie kreuzen wird, jedenfalls nach jetziger Vorhersage. Der Holzpfeil sagt mir jetzt, dass wir nicht gleich weg laufen, sondern die Situation erst einmal beobachten werden. Wir setzen bis auf weiteres erst einmal weiter Kurs auf Cocos Keeling, überprüfen und bewerten die Situation zweimal täglich. Wenn absehbar ist, dass uns der Sturm tatsächlich treffen wird, werden wir umgehend in Richtung Äquator, notfalls zurück nach Indonesien abdrehen.
Die nächsten Tage sind spannend, sehr spannend, mal verschlechtert sich die Vorhersage, so dass uns der Sturm direkt treffen wird, einen halben Tag später entspannt sich die Situation wieder. Erstaunlich wie wenig verlässlich die Vorhersagen doch noch sind. 60 Stunden bevor die Zugbahn unsere Kurslinie kreuzen soll, sieht es gut aus. Wir werden zu jedem Zeitpunkt knapp 2 Tage Sicherheitsabstand zum Zentrum des Sturms haben. Hinzukommt, dass sich die Stärke des Sturmes in der letzten Vorhersage gegenüber den vorigen verringert hat.
Die Geronimo entscheidet anders, sie weichen dem Sturm und den großen Seen nach Norden aus, gehen zurück nach Indonesien und verbringen damit auch die nächste Saison in Malaysia und Thailand. Sie sind erst vor ein paar Monaten in Noumea Neukaledonien gestartet, sind unterwegs mit zwei Jungs. In ihrer Situation hätte ich wahrscheinlich die gleiche Entscheidung getroffen. Für uns ist es trotzdem sehr bedauerlich, haben sich die Jungs Oscar und Jule und Louisa und Paula doch so gut trotz anfänglicher Sprachbarriere verstanden. Insbesondere Louisa hätte wahnsinnig von einer gemeinsamen Weiterfahrt enorm profitiert. Ganz zu schweigen von den gemeinsamen Plänen für Freediving, Spearfishing und Schnorcheln auf Cocos Keeling.

Ein tropischer Sturm droht die Route der hapa na sasa auf ihrer Auszeit mit Kindern zu kreuzen

Eine der zahlreichen Simulationen. Unten ist unsere Position gut als rotes Schiff zu erkennen.

Später zeigt eine Simulation, dass die hapa na sasa dem Sturm weg fahren wird.
Dieser Screenshot der Simulation zeigt, dass wir keine 20 Stunden später außerhalb der Gefahrenzone des Sturmes sein werden.

Die Zugbahn eines klassischen Zyklones auf der südlichen Halbkugel verläuft im Indischen Ozean erst einmal nach Südwesten
Die Fluchtroute bei einem tropischen Sturm auf der Südhalbkugel geht in Richtung Äquator. Besser schon mal anschauen, falls es dann doch ernst wird.

Der indische Ozean nimmt mir meinen teuersten Köder

Es hätte schlimmer kommen können, aber trotzdem ist es sehr ärgerlich, dass der Indische Ozean mir meinen teuersten Köder nimmt.
Die Angel geht los, aber wie. Sogleich ist die Vorfeude da, auf einen grossen Fisch. Die Vorfreude aber hält nicht lange an. Ich sehe ein V-Förmiges Etwas hinter unserem Schiff auftauchen, kann es als eine Art Tau ausmachen, ein armdickes Tau. Reflexartig drehe ich die Bremse der Angel zu und kurze Zeit später ist Ruhe. Die Angelleine ist gerissen, jetzt fragt sich nur noch wo. Mein Köder steckt wohl in diesem Tau, umdrehen kommt nicht in Fage, wollen wir doch keine wertvolle Zeit im Rennen mit dem tropischen Sturm verlieren.
Zurück geblickt sind wir wohl über dieses Tau gefahren, es ist dann am Kiel nach unten gerutscht, um sich dann zu lösen, deshalb die V-Form. Dieses Monster von einem Tau hätte sich aber auch leicht an unserem Ruder verfangen können. In diesen Seen, bei diesem Wind wäre es wohl sauschwierig gewesen uns von diesem Tau zu befreien, da ist es mir doch lieber einen Köder zu verlieren, auch wenn es gerade mein Teuerster war.

Mein teuerster Köder bleibt im Indischen Ozean zurück.
So sah er aus, als er uns noch treu gedient hat.

Die hapa na sasa nimmt die 4m hohen Wellen mit bravour

Der tropische Sturm trifft uns nicht mehr, wir sind ihm erfolgreich weggefahren. Die angesagten 4m hohen Wellen jedoch treffen uns. Immer wieder sind Wellen dabei die grösser als 4m sind. Die Strategie rechtzeitig Süd zu machen hat sich ausgezahlt, denn jetzt können wir fast West laufen, so dass uns nur ganz vereinzelt Wellen von der Seite treffen, das gros trifft uns von schräg hinten.
Es gibt sicherlich angenehmere Situationen, aber ändern können wir es nicht und mit einem Gedanken an Jan und seine Phoebe relativiert sich alles.

Urte auf der hapa na sasa mit der Segelhose in der Pantry
Mit der Segelhose in der Pantry, auf diesem Schlag mussten wir das Schlechtwetterzeug mal wieder hervor holen.

Seatalk Failure, was ist das denn?

Es ist nicht gerade ein Sunshine Cruise, aber es läuft gut. Wir nähern uns beständig Cocos Keeling, noch zweieinhalb Tage bis zu diesem Paradies im Indischen Ozean. Genau um Mitternacht piept es im Cockpit und der Autopilot steigt mit der lapidaren Meldung „Seatalk Failure“ aus, Komplettausfall des Autopiloten.
Jetzt ist Handsteuern und Fehlersuche angesagt. Fehlersuche, leichter gesagt als getan bei einem vermutlichen Software, elektronischem- oder elektrischem Problem. Ich schreibe sogleich eine email an Björn, unseren außerordentlich wertvollen Support in Deutschland. Seine Aussage ist klar, erst einmal den Autopilot von den restlichen Systemen eliminieren, das heißt genau einen Stecker ziehen und zwar die Seatalk Verbindung zwischen Autopilot Display und Multifunktionsanzeige mit Tiefe, Geschwindigkeit und sämtlichen Windinformationen. Na immerhin mussten wir nur eine knappe Nacht per Hand steuern, wobei Urte bravourös einen großen Teil davon gesteuert hat. Leider haben wir mit der unterbrochenen Seatalk Verbindung zu unseren Multifunktionsanzeigen keinerlei Informationen über Wind, Tiefe und Geschwindigkeit. Hier draußen bei mehreren tausend Metern tiefe natürlich kein Problem, in der Anfahrt auf Cocos Keeling werden wir aber die Verbindung zwischen den Instrumenten wieder herstellen und auf unseren Autopiloten verzichten.

Kurz bevor wir Cocos Keeling erreichen, beisst dieser kleine Minimarlin an.
Kurz bevor wir Cocos Keeling erreichen beisst dieser Minimarlin an, wir können ihn vom Haken nehmen und wieder in sein Element entlassen.

Cocos Keeling ein Paradies mitten im Indischen Ozean

Der einzige Ankerplatz in Cocos Keeling liegt geschützt in der Bucht der Direction Island, geschützt jedenfalls gegenüber östlichen und südöstlichen Winden, was in der aktuellen Saison die vorherrschende Windrichtung ist. Die Anfahrt ist betonnt, in der Karte fährt man allerdings über eine nur x,xm tiefe Stelle. Louisa steht am Steuer und ich bin vorne am Bug im Ausguck und tatsächlich müssen wir über eine Stelle mit Korallenköpfen, die gerade einmal gut 3m tief ist. 3m bei 1,7m Tiefgang der hapa na sasa hört sich safe an, bedenkt man aber, dass das Relief eines mit Korallen übersäten Grundes höchst unregelmäßig ist, so sind 3m nichts!
Der Anker fällt schließlich in kristallklarem Wasser auf 7m Tiefe in feinem weißem Sand.

Cocos Keeling, eine Insel aus einer anderen Welt
Cocos Keeling, eine Insel aus einer anderen Welt.

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3 Comments

  1. Renate von der Burg 6. Januar 2017 at 11:29

    … ich weiss gar nicht mehr, was ich noch sagen soll … wie immer: unglaublich aufregend … fuer mich … allerdings die Technik: „Boehmische Doerfer“ bei 1000 m Meerestiefe … sowas wie Gaensehaut kommt auf … Wie ich mich doch freue, ein solch gutes Foto von Urte zu sehen … und vor allem, dass sie lacht!!! Unglaublich!!!
    Liebe Gruesse und gutes Ausruhen auf dieser wunderschoenen Insel!!!

  2. Hans J. Heise 7. Januar 2017 at 18:22

    Lieber Constantin, ich wünsche Ihnen und der Familie ein weiterhin spannendes und gesundes 2017 und bin begeistert von Ihren Routen- und Reisebeschreibungen. Ich habe zwar bis auf einige Segeltörns während meines Studiums an der USC in LA und den Channel Islands vor der cal. Küste keine Ahnung vom Segeln, aber Ihre Beschreibungen sind faszinierend. Umsomehr freue ich mich allerdings auf unsere Kreuzfahrt zwischen Vancouver, Hawaii und Australien/Neu Seeland. Besate Grüße Hans J. Heise

    • Constantin 9. Februar 2017 at 17:41

      Ja, ich bin sehr, sehr gespannt, wie es Euch ergeht. Wir haben die letzten Wochen das Schiff für die Weiterreise in die Karibik vorbereitet. Nach 10.000sm in nur 6 Monaten, gab es einige Wartungen, die ich am Schiff nicht aufschieben wollte. Immer getreu nach dem Motto: „If you look after your boat, your boat looks after you.“

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